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Vom Lohn der Askese

Einleitung zum Beitrag "Ikonen der Rundlichkeit"

 

Wie wird man 100 Jahre alt? Einfach weniger essen!

Diese verblüffend simple Antwort auf eine der wichtigsten Menschheitsfragen hat der amerikanische Mediziner Richard Weindruch gefunden. Wahrscheinlich war es dem Doktor aufgefallen, dass meist die hageren und zierlichen Patienten zu den Hochbetagten zählen, während die prallen Barockgestalten lange vorher vom Schlag getroffen werden oder an einem der zahlreichen Übel des Überflusses dahinsiechen. Wer karg lebt, wird alt. Allerdings ist diese Hypothese mühselig zu verifizieren. Denn in der Geschichte - eine einzige Abfolge von Missernten, Hungersnöten und Mangeljahren - hat die grosse Mehrzahl der Menschen keineswegs freiwillig auf Tafelfreuden verzichtet. Und das ist ihr auch nicht gut bekommen.

Erst seit die Menschen satt zu essen bekommen, steigt die Lebenserwartung unablässig. Doch unfreiwilliger Diät redet der Gerentologenguru keineswegs das Wort. Vielmehr empfiehlt er, dass die Ernährung in allen Bestandteilen ausgewogen sei: Vitamine, Kohlehydrate, Fette. Von allem etwas, nur von allem nicht genug.

Tierversuche mit einer knappen Kost haben in der Tat verblüffende Resultate gezeitigt. Eine Diät bis zu 40 % unter der subjektiven Sättigungsmarge erwies sich als wahrer Jungbrunnen. Unterdurchschnittlich gefütterte Laborratten wurden im Schnitt 46 Monate alt. Für Artgenossen, die aus dem vollen Napf schöpfen konnten, war schon mit 33 Monaten Schluss. Spinnen, die nicht genug zu beissen hatten, wurden fast doppelt so alt wie satte Weberknechte. Und sogar ein ernährungsbewusster Wasserfloh schaffte es spielend ins Rentenalter von 51 Tagen, während ihm satt nur vier Lebenswochen auf Erden beschieden gewesen wären. Einem vollgefressenen Guppy fallen sämtliche Schuppen vom Blähbauch, und nebenan wühlt ein hagerer Vergleichsfisch ausdauernd im Schlamm nach jeder einzelnen Kalorie. Hält denn die ganze Natur Diät? Belohnt der liebe Gott bescheidene Kreaturen mit Überstunden?

Dr. Weindruch suchte die Ursachen in der Zellbiologie. Hier setzt eine satte Ernährung gefährliche Moleküle mit Name "freie Radikale" frei, die mit den Jahren die mühselige Stoffwechselarbeit unserer wackeren Mitochondrien zum Erliegen bringen. Die Zellatmung des Sybariten wird schwerer und schwerer, während der Hungerleider keinen radikalen Überschuss erwirtschaftet und alterslos vor sich hinvegetiert. Diesem Naturgesetz lässt sich eine gewisse Gerechtigkeit nicht absprechen: Wer wenig Energie verbraucht, liegt auf der Langstrecke günstiger. Doch hat Dr. Weindruch, der selbst nur mässig Diät hält, als objektiver Mediziner die subjektiv kulinarische Frage vernachlässigt. Was ist ein Leben als Methusalem wert, wenn einem viele Jahrzehnte lang das Wasser im Munde zusammenläuft?

Wer einmal in dem kleinen Restaurant in der Rue de Babylone in Paris, dessen Name hier nicht verraten wird, karamelisierte und mit Fenchel versetzte Foie gras de Canard zu sich genommen hat, wird dankend auf die Lebensumstände der bekannten Uralt-Greise aus dem Kaukasus verzichten, die sich tagaus und tagein ausschliesslich von Joghurt und Honig ernähren. Was hat man davon, mit 100 oder 120 immer noch nicht des Lebens satt zu sein, während der eigene Jahrgang schon lange unter der Erde liegt und ein erfülltes Leben mit Poularden, Champagner und Schokoladenmousse ausgekostet hat. Lohnt es sich wirklich, in jungen Jahren schon die Gabel sinken zu lassen, bloss um später nicht vorzeitig den Löffel abzugeben?

 

Verfasser: Dr. G. Stuckmann